Target2

Es gibt kein besseres Beispiel als die Target2-Debatte, um den ganzen Irrsinn um den Euro zu demonstrieren. Zugegeben, es ist eine schwierige Thematik. Salden, Bilanzen & Co schrecken die meisten ab. Das sollten sie nicht, denn mit ihnen werden Schulden und somit Machtbeziehungen verwaltet und umgeschichtet.

Die Target2-Salden sind das gemeinsame Echtzeit-Brutto-Clearingsystem des Eurosystems, hier werden die Liquiditätsflüsse des Zentralbankgeldes der einzelnen nationalen Notenbanken der Euro-Länder abgebildet. Seit Begin der Finanzkrise geraten die Salden außer Kontrolle. Der Gottvater der Ökonomie, Hans Werner Sinn, entdeckte die Ungleichgewichte, schlug Alarm und löste eine heftige Fachdebatte aus. Sein Vorschlag: die Salden müssten nach dem amerkanischen Vorbild über besicherte Wertpapiere ausgeglichen werden.

Das alles ist doch nur ein akademischer Sturm im Wasserglas! Nein, nicht ganz. Das Problem liegt darin, dass in der Diskussion schonungslos aufgedeckt wurde, dass weder die Ökonomen noch die Qualitätsjournaille die einfachsten Grundlagen des Finanzssystems, ganz zu schweigen von den Prinzipien einer Währungsunion, verstehen. Um den Irrsinn verständlich zu machen, muss man nur die nun nicht wirklich komplizierte Tatsache begreifen, dass die Target2-Salden keine Kredite sind, sondern Geldströme abbilden. Sinn und Konsorten, sowie die Journaille phantasieren ein wachsendes Risiko in die Salden hinein. Doch dem ist nicht so! Ob die abgebildeten Geldströme risikobehaftet sind oder nicht, kann aus den Salden nämlich gar nicht heraus gelesen werden. Selbst bei einem Auseinanderbrechen des Euros müssen die Target2-Salden nicht zwangsläufig zu realen Verlusten führen. Solche einfachen Zusammenhänge stellen eine Überforderung sondergleichen für die eingebildeten Eliten unseres Landes dar. Zum Glück trifft dies, trotz gegenteiliger Unterstellungen der Medien, nicht auf die Deutsche Bundesbank unter der Leitung von Jens Weidmann zu. Er sieht in den Target2-Salden keine zusätzlichen Risiken, sondern allein in der Art und dem Umfang der Liquiditätsbereitstellung der EZB – und das ist völlig korrekt!

Was machen die Target2-Salden denn eigentlich? Sie zeichnen nur den ungleichen Liquiditätsbedarf der Euro-Staaten auf, der durch die Finanzkrise ausgelöst wurde. Einige der selbsternannten Experten meinen, das dürfte nicht so sein, denn schließlich leben wir im kommunistischen Europa und da hat alles gleich zu sein. Ungleichheiten – außer in Leistungsbilanzüberschüssen – sind ihnen daher ein Graus. Dass Europa nicht ihren verqueren Vorstellungen entspricht, das können sie nicht nachvollziehen.

In einfachen Worten: unsere Experten schauen auf einen Seismographen, der ein starkes Erdbeben anzeigt. Statt das Naturphänomene zu erforschen, machen es sich unsere Experten einfach: sie weisen die Techniker an, nur noch Seismographen zu bauen, die keine Erdbeben anzeigen können. Wenn der Seismograph nämlich ruhig ist, dann wird alles gut – das besagt zumindest die simple Logik des noch simpleren Weltbildes dieser Experten.

Ich wünsche mir, dass die Target2-Debatte zukünftig als Lehrbuchbeispiel für die völlige Unfähigkeit unserer Experten dient, adäquat auf die zweifellos enormen Anforderungen, die eine Weltwirtschaftskrise an sie stellt, reagieren zu können.

Diese Debatte hat bei mir den letzten Zweifel beseitigt: der deutsch sprechende Euro hat keine Zukunft. Wir sind den intellektuellen Herausforderungen einer Währungsunion, die sich in einer Krise befindet, schlicht nicht gewachsen. Die Gefahr, die nun besteht, ist, dass Europa auf das unterirdische Niveau seiner Eliten und Experten herunter gewirtschaftet wird. Griechenland hat diesen Abstieg bereits hinter sich, es ist auf das Niveau eines Drittweltlandes herab gesunken, die griechische Wirtschaftsleistung droht selbst hinter die von Bangladesch zu sinken. Und es geht weiter, derzeit geht es Spanien an die Gurgel. Europa wird solange zudrücken, dessen bin ich mir sicher, bis auch Spanien auf Augenhöhe mit den Griechen ist. Und keine Bange, früher oder später werden wir auch dran sein, denn Europas Abstieg ist alternativlos™.

14. März 2012 von stillewasser
Kategorien: Euro-Krise | Schlagwörter: , , | 14 Kommentare

Kommentare (14)

  1. @Bernd Klehn

    Nicht die Geldmenge ist das Problem, M1 (Zentralbankgeld, plus unmittelbares Versprechen auf Zentralbankgeld als Sichteinlagen) sind kaum gestiegen.

    Ja, ich würde sagen, die Schuldenstruktur des Euros hat mit der Realität (Sicherheiten) nichts mehr gemein.

    Das Problem sind die Leistungsbilanzen und Nettoauslandschulden von Griechenland, Portugal und Spanien.

    Die öffentlichen Schulden sind allerdings – trotz der ständigen Medienpropaganda – nicht das Problem und sie sind im Grunde beherrschbar.
    Die Target2 Salden zeigen ja, dass die private Kapitalflucht weitaus größer dimensioniert ist als das Problem der Staatsverschuldung.

    EZB-Staatsanleihenaufkäufe, Rettungsschirme und Target2 ist die Privatkapitalflucht aus diesen Ländern ermöglicht worden. Es bleibt die deutsche öffentliche Hand als Auslandgläubiger dieser Länder,

    Sehr richtig! Das eigentliche Problem ist die Privatkapitalflucht. Bei einem Staatsbankrott muss der Privatsektor nicht gezwungenermaßen ebenfalls bankrott werden. Beim herrschenden Dilettantismus muss man jedoch davon ausgehen, das dieser worst case eintreten wird, eben weil dieses Problem immernoch ignoriert wird.

    Übrigens wird daher auch der Austritt Griechenlands meiner Meinung nach weitaus gefährlicher sein als erwartet. Das Problem der Staatsschulden ist beherrschbar, die Auswirkungen auf den privaten Sektor werden, so befürchte ich, unterschätzt und könnten katastrophal werden.

    • @stillewasser

      “Die öffentlichen Schulden sind allerdings – trotz der ständigen Medienpropaganda – nicht das Problem und sie sind im Grunde beherrschbar.”

      Ich habe bewusst immer von Nettoauslandsschulden geschrieben, dabei ist es gleich ob dieses private oder öffentliche sind. Bei ca. 70% Nettoauslandsschulden ist bisher fast jede Volkswirtschaft von der Weltwirtschaft abgeschnitten worden, selbst unter dem Goldstandard, nur im Euroraum konnten Portugal, Griechenland, Irland und Spanien vom internationalen Finanzmarkt unbeachtet bis 2007 ca. 100% anhäufen. Nur dann wollte der internationale Finanzmarkt plötzlich nicht mehr , stattdessen ist dann zu Niedrigzinsen das Eurosystem eingesprungen, hat Kapitalflucht ermöglicht, den Konkurs verschleppt und die die deutsche öffentliche Hand in Obligo gesetzt ohne , dass sie sich dagegen wehren konnte. Hätte niemals gedacht, dass das Eurosystem ein derartiges Fehlkonstrukt ist und simpel ganz einfach ein Euroland per Gelddruckmaschine in die Kasse des anderen greifen kann. Hätte mir dieses jemand erzählt, hätte ich dieses für einen schlechten Witz gehalten.

      • Sicher, Herr Klehn, wenn man es so betrachtet … Aber tatsächlich bedeutet die Etablierung der Währung des Euro die Aufgabe, eine einheitliche europäische Wirtschaft herzustellen. Selbst die Bundesrepublik muss ihre innerdeutschen Ungleichgewichte durch EU-Gelder ausgleichen. Und es hat eben 2008 und 2009 nicht ausgereicht, so zu tun, als ginge es ausschließlich um die Wirtschaft der BRD. Die Staatsschulden von Griechenland sind durch diese Verwerfungen extrem geworden; die spanischen Schulden sind Spekulationsschulden.
        Die offizielle Haltung der Bundesregierung ist naiv; man müsse nur weniger Staatsschulden machen, dann werde alles besser. So einfach ist die Sache eindeutig nicht!

      • @Bernd Klehn

        Hätte niemals gedacht, dass das Eurosystem ein derartiges Fehlkonstrukt ist und simpel ganz einfach ein Euroland per Gelddruckmaschine in die Kasse des anderen greifen kann. Hätte mir dieses jemand erzählt, hätte ich dieses für einen schlechten Witz gehalten.

        Der Griff in die Kasse erfolgte bereits mit der Euro-Einführung, er findet also seit über 10 Jahren statt. Es bemerkte keiner, weil er verdeckt im privaten Bankensystem statt fand. Erst mit der Krise schwappte das Desaster zu den Saaten und der EZB über und die seit zehn Jahren aufgehäuften Ungleichgewichte konnten nur noch mit der Notenpresse aufrecht erhalten werden, da ansosnten der sofortige Kollaps gedroht hätte.
        Das zeigt, dass alle, die EU, die EZB, die Bundesbank, die Politik, die Medien, die Ökonomen, absolut keine Ahnung haben und dass es keine schnelle Lösung geben kann.

  2. Die Target2 Salden der Nationalen Zentralbanken des Eurosystems bilden Nettokapitalbewegungen ab, die via Eurosystem organisiert worden sind. Sie Target2-Salden der Nationalen Notenbanken sind Teil der Nettoauslandsschulden oder -guthaben des jeweiligen Euromitgliedes und werden mit dem jeweils aktuellen Hautrefinanzierungssatz zwischen den Nationalen Zentralbanken verzinst.

    Bei der Insolvenz eines Staates, einer Volkswirtschaft, werden die Auslandsschulden nicht mehr bedient. So als Argentinien 2001/2002 mit 60% Nettoauslandsschulden Pleite gegangen ist und diese komplett loswurde und somit langsam neu durchstarten konnten. Bei der Deutschlandpleite 1931 hatte Deutschland 70% Nettoauslandsschulden. Die prozentual weltweit größten Nettoauslandsschuldner sind Portugal, Spanien, Irland und Griechenland mit über 100% Nettoauslandsschulden. Deren Pleite und damit notwendigen Streichung der Nettoauslandsschulden ist unausweichlich. Der mittlerweile fast einzige ausländische Gläubiger dieser Länder ist die deutsche öffentliche Hand, via Bundesbank, die EZB ist hier nur Zwischenhändler, da sie kaum über eigene Mittel verfügt. Die anderen Länder abgesehen von Finnland und Holland, die bereits selber hohe Target2 haben, können kein weitere Nettoauslandsschulden übernehmen, da sie dann selber Pleite wären. Bliebt also nur als einzige Lösung, das Deutschland sein mühsam erarbeitetes Nettoauslandsguthaben von ca. 1Billion abschreibt und in weitere öffentliche Schulden umjubelt. Der westdeutsche Arbeitnehmer dürfte , wie seit 20Jahren, durch Wiedervereinigung, Kapitalabzug durch den Euro, der Weltwirtschaftskrise, Bankenrettung (325Mrd zusätzliche Staatsschulden) ein viertes mal leer ausgehen.

    • @Bernd Klehn

      Ich sage ihnen etwas, dass sie nicht verstehen werden: ein Euro ist nicht ein Euro.

      Lassen sie mich das ml so erklären: schauen sie sich mal die EZB Bilanz an, es wird munter Zentralbankgeld gedruckt und verteilt, die Target2-Salden bilden die (Ungleich-)Verteilung ab. Hinter einen geschöpften Giralgeldkredit einer Geschäftsbank ist mit Sicherheiten hinterlegt, die EZB schöpft, wie zuletzt mit der Dicken Berta, “wertlose” Euros. Wenn die Target2 Salden abgeschrieben werden müssten, wäre dies kein großer Verlust, weil nur heiße Luft verschwinden würde.

      Ich stimme daher der Meinung von Jens Weidmann zu, dass in den Target2-Salden keine zusätzlichen Risiken zu finden sind, sondern allein in der Art und dem Umfang der Liquiditätsbereitstellung der EZB! Das unkontrollierte Gelddrucken der EZB ist das Problem, dadurch entstehen aber keine Kreditrisiken, sondern es findet weiterhin eine unverantwortliche Aufblähung des Finanzwasserkopfes statt.

      Nochmals, hinter den Target2-Salden stehen keine “harten” Forderungen, sondern nur die heiße Luft der heißgelaufenen Geldpresse der EZB.

      Also keine Panik, wenn es zu einem Austritt eines Euro-Landes kommt, sind die Target2-Salden das geringste Problem.

      • @stillewasser

        “Wenn die Target2 Salden abgeschrieben werden müssten, wäre dies kein großer Verlust, weil nur heiße Luft verschwinden würde.”

        Witzbold. Jeder Mensch, jede Gesellschaft, jeder Staat, dem plötzlich die gesetzlichen Zahlungsmittel (Zentralbankgeld) oder Versprechen auf dieselben (Ihre heiße Luft) entzogen wird, erfährt dieses ganz anders. Er kann nämlich plötzlich den Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen und gerät in existentielle Schwierigkeiten. Von wegen das gesetzliche Zahlungsmittel ist nur hieße Luft, Versuchen Sie dieses Mal dem Vollsteckungsbeamten zu erklären, wenn er vor Ihrer Tür steht. Geld ist zwar nichts, aber ohne Geld ist fast Alles nichts Eine Zentralbank zwar kann Geld schaffen oder verschwinden lassen, hat sie dieses allerdings einmal erschaffen, muss sie die dahinter stehenden Verpflichtungen erfüllen, sonst bricht die Wirtschaft zusammen und Menschen geraten massenhaft unverschuldet in Not. “Money makes the world go round ” Dieses ist der Sinn und Zweck des Geldes.

        • @Bernd Klehn

          Ja, ich mache gerne Witze, doch den Satz:
          ein Euro ist nicht ein Euro
          den meine ich ernst. Wenn Schulden gestrichen werden, also Geld vernichtet wird, dann bricht mitnichten die Wirtschaft zusammen. Es kommt darauf an, welche Schulden gestrichen werden. Sind es die Rücklagen für die Renten- oder Lebensversicherungen oder sind es nur Zockermilliarden?

          Es ist vielmehr umgekehrt, die extensive Geldschöpfungs- bzw Schuldenexplosion gerade des Euros (siehe EZB Bilanz) ist das Kernproblem, sie können niemals bedient werden! Wir müssen Geld vernichten, entweder durch Transferleistungen, einem Schuldenschnitt oder Inflation.
          Noch haben wir die Wahl, aber nicht mehr lange. Dann wird sie kommen, die Inflation.

          • @stillwasser

            Nicht die Geldmenge ist das Problem, M1 (Zentralbankgeld, plus unmittelbares Versprechen auf Zentralbankgeld als Sichteinlagen) sind kaum gestiegen. Das Problem sind die Leistungsbilanzen und Nettoauslandschulden von Griechenland, Portugal und Spanien. Diese Länder werden diese Auslandsschulden nicht mehr bedienen können. Hierbei sind Ihre und die Weidemannsche betriebswirtschaftliche Bankensicht irrelevant. Wichtig ist nur das volkswirtschaftliche Gesamtergebnis. Durch EZB-Staatsanleihenaufkäufe, Rettungsschirme und Target2 ist die Privatkapitalflucht aus diesen Ländern ermöglicht worden. Es bleibt die deutsche öffentliche Hand als Auslandgläubiger dieser Länder, vor 2007 war sie dort nicht engagiert, diese Gläubigerposition wird die deutsche öffentliche Hand bis zur Pleite nicht mehr los werden und anschließend wird der normale westdeutsche Arbeitnehmer via Steuern oder Inflation, also über Reallohnverzicht erneut die Quittung bezahlen müssen. Da beist keine Maus mehr den Faden ab.

  3. @Gast

    Sie haben eine tolle Arbeit mit der Linkliste geleistet und danke für die Aufnahme!

    Ich kannte nur ein Bruchteil der Artikel und habe ein bisschen quer gelesen – äußerst interessant! Z.B. das Argument, dass auf Grund des Zusammenbruchs des Interbankenmarkts erst die Target2-Salden explodierten, das Ganze also nichts anderes als eine Risikoverlagerung ist. Die Risiken waren immer dar, nur eben im Dunstkreis des Interbankenmarkts unsichtbar.

    > Die unSinnige Target-Debatte

    Der ganze Irrsinn der Debatte wird durch diesen Kommentar deutlich:

    > It is exactly this part that Prof Sinn is justly worried about: Germany does NOT want the southern (commercial bank and NCB) liabilities to become an ECB liabiliy.

    But there are, and always will be. A Euro reserve is exactly that, and there is no other way around it.

    Quelle: Macro Business

    Exakt: In einer Währungsunion muss man die Verbindlichkeiten der Mitglieder gemeinsam tragen – das ist so, weil eine Währungsunion das macht, weil sie so funktioniert. Leider ist das für unsere ökonomische Elite ein nicht zu stemmender intellektueller Kraftakt!

  4. Die gesamte Target2-Debatte ist in dieser Linkliste dokumentiert: http://www.robertmwuner.de/materialien_euro_literatur_target2.html

  5. @stillewasser

    Das nächste Land, bei dem sie es versuchen, ist Deutschlands größtes Bundesland, laut Daniel Bahr u. a., das “Griechenland” Deutschlands. Man muss mein Heimatland in Schutz nehmen. Dort werden überwiegend ordentlich die Steuern bezahlt, obgleich hier zuletzt die FDP regiert hat, die wahre Griechenland-Partei Deutschlands.

  6. @Martin

    Irgendwie wäre es doch gerecht, wenn die FDP ins griechische Exil müsste …

  7. Holla, die Qualitätsjournaille SZ kommt zur gleichen Schlussfolgerung wie ich:

    > Ein Professor, der Äpfeln, Birnen und Bananen addiert

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