Der Peer ist wieder offline

Der Kanzler-Wahlkampf des Peer Steinbrücks verlief bisher wenig erfolgreich, online fand er ohnehin kaum statt. Eine PR-Agentur, von Unternehmerpersönlichkeiten finanziell üppig ausgestattet, wollte dieses Manko beheben. Das PeerBlog, das seinen Namen mit der offiziellen Zustimmung Steinbrücks führen darf, öffnete seine Online-Pforten und sollte der glücklosen Kandidatur im Netz etwas Schwung verleihen. Das ist gelungen – und wie! Der Höhepunkt ist ein erfolgreicher Hackerangriff auf das Polit-Blog, der von den Machern mit dramatischen Worten kommentiert wird.

http://twitter.com/PeerBlog/statuses/299449866130702336

[update] Der obige Tweet des PeerBlogs wurde inzwischen gelöscht. Ursprünglich lautete er:

Der #PeerBlog ist in Ihrem Land leider nicht verfügbar, weil @t3amm3du5a das Recht auf Meinungsfreiheit nicht eingeräumt hat.
— PeerBlog (@PeerBlog) 7. Februar 2013

 [/update]

Aufgrund des Angriffs wurde das Blog inzwischen eingestellt.
Was für ein Skandal, aber hallo!

Ich kann diese Geschichte nicht glauben. Es könnte sich um eine Variante der GEMA-Geschichte handeln. Vor einigen Tagen war die Webseite der GEMA nicht erreichbar und der Grund sollte ebenfalls ein “Hackerangriff” sein. Der Angriff fand wahrscheinlich gar nicht statt, denn es könnte sich vielmehr um eine Ausrede für einen misslungenen Umzug des Rechenzentrums handeln.
Im aktuellen Fall gehe ich davon aus, dass es tatsächlich einen Hackerangriff gab. Das PeerBlog hätte jedoch gute Gründe, den Stecker zu ziehen und dafür einen Sündenbock in Form der Häcker zu präsentieren. Die Kritik des Netzes auf das neue Blog war nämlich vernichtend: für LobbyControl ist die Intransparenz des Blogs inakzeptabel, für Indiskrektion Ehrensache der gesamte Auftritt eine peinliche PR-Aktion. All das ist weder verwunderlich noch besonders aufregend. Allerdings ist die Finanzierung der Seite nicht nur dubios, sondern eventuell sogar illegal: die Bundestagsverwaltung prüft, ob mit dieser Art der Kanzlerkandidatenwerbung nicht die Regeln der Parteienfinanzierung unterlaufen werden.
Das Projekt wird somit zu einer politischen Bombe, die im ungünstigsten Fall in der heißen Phase des Wahlkampfs explodieren könnte.

Ich kann nicht verstehen, wie ein finanziell äußerst gut ausgestatteter Webauftritt nach nur einem Angriff aufgibt. In einer Mitteilung der PeerBlog-Betreiber rechtfertigen sie die Schließung mit der Begründung: “Das offene Konzept führt nun dazu, dass unsere Inhalte nicht geschützt sind, von Hackern jederzeit gefälscht und manipuliert werden können.” Bitte? Das ist Unfug! Sicherheit vor Manipulation und Offenheit im Netz sind kein Widerspruch! Es ist ohne weiteres technisch möglich, eine offene Seite zu betreiben, an der sich jeder beteiligen kann, und die dennoch sicher vor Manipulationen ist. Wenn das notwendige Kapital dazu zur Verfügung steht, ist es leicht zu realisieren, denn Sicherheit im Netz ist machbar, sie kostet allerdings auch etwas. Wie man auf die verrückte Idee kommen kann, für einen Kanzlerkandidaten eine Webseite zu schalten, ohne ein tragfähiges Sicherheitskonzept zu haben, ist mir völlig unverständlich. Das ist in etwa so, wie ein Hauptstadtflughafen zu bauen, auf dem kein einziger Flieger landen und starten kann.

Der Hackerangriff auf das Blog war dumm, keine Frage, aber er bedroht keineswegs die Meinungsfreiheit. Er hat nur die unglaubliche Inkompetenz der Blogbetreiber offen gelegt und er war wohlmöglich ein willkommener Anlass, das Projekt einzustellen und das Scheitern den Hacker in die Schuhe schieben zu können.
Ein lustigen Randaspekt finde ich, dass ein anonym finanziertes Blog die Aktion von anonymen Hackern kritisiert – ich für mich finde, da haben sich einfach nur die richtigen Leute getroffen.
Durch den Hack ist jedenfalls kein großer Verlust entstanden. Ich habe mir das Blog nicht angeschaut und ich hätte es wohl auch nie getan.

[update] Die Vermutung scheint zu stimmen, der Hackerangriff war wohl nur eine Ausrede: weder konnte der Hoster Auffälligkeiten im Datenverkehr finden, noch wurde er um Hilfe gebeten und die Blogbetreiber verzichteten auf ihre angekündigte Strafanzeige[/update]

07. Februar 2013 von stillewasser
Kategorien: Medien, Politik | Schlagwörter: , | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


*