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„Bildungsferne Schichten“?

Dieses verächtliche und dumme, unreflektierte Unwort hat sich inzwischen leider durchgesetzt. Nach der Entscheidung vom letzten Sonntag in Hamburg gegen eine gemeinsame Schulzeit aller Schüler/innen von sechs Jahren wird nicht selten empfohlen, die gemeinsame Zeit mit vier Jahren im Kindergarten beginnen und mit dem vierten Schuljahr enden zu lassen. Damit lasse sich das Problem der Kinder aus „bildungsfernen Schichten“ (Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, Hartz IV-Bezieher-Familien, möglicherweise schon über Generationen hin usf.) angehen. D, h., das wirkliche Problem liegt in diesen bildungsfernen Schichten. Und immerhin erkennen jetzt auch Menschen aus der CDU wie Peter Altmaier an, dass hier eine staatliche Aufgabe liegt. Darin besteht m. E, durchaus ein Erkenntnisfortschritt, weil dies sehr viel Geld kostet, die Erzieher/innen müssen vermehrt, besser ausgebildet und wohl auch besser bezahlt werden. Es müssen mehr Lehrer/innen eingestellt werden, Förderprogramme sind zusätzlich erforderlich. Weiter muss dann der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab dem vierten Jahr zur Pflicht werden, was Baukosten in beachtlicher Höhe nach sich zieht, ich unterstelle einmal sehr freundlich, dass dies bei der „Zeit“ etwa, die schon lange von „bildungsfernen Schichten“ spricht, im Kern alles „durchgerechnet“ ist.

 

M. E. lässt sich die Überlegung auch empirisch stützen, dass schon mit vier Jahren das Lernen beginnen kann. Schon John Dewey hat das in seinem Reformschulprojekt zeigen können, dass Vierjährige beachtliche Lernleistungen und auch schon hinreichende Eigenständigkeit aufbringen können, sofern die Umgebung des Lernens hinreichend ausgebildet ist. Das Verhältnis von Erzieher/in und Kindergartenkindern sollte dann höchstens eins zu 12 sein. Das spielerische und kreativitätssteigernde Element im Unterricht muss zwischen vier bis sechs Jahren noch stärker sein, als es später schon sein sollte. Da aber die „bildungsnahen Schichten“ jetzt die Verantwortung für diese Ideen haben, dürfte das wohl folgendermaßen ausfallen:

„… das heißt …, dass Jugendliche am Ende der     Schulzeit ein ordentliches Fundament haben müssen, um eine qualifizierte Ausbildung anzuschließen. Natürlich darf Kindheit nicht nur Druck sein, natürlich soll die Schulzeit auch Spaß machen. Allerdings erschöpft sich Schule nicht nur im Spaß. Schule heißt auch Anstrengung, Leistungswille … Ich gehörte zu einem Jahrgang, der schon nach zwölf Jahren Abitur gemacht hat, und ich kann nicht sagen, dass mir das geschadet hat. Mir hat die Schule Horizonte eröffnet und Dinge möglich gemacht, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Natürlich hat es Tage gegeben, an denen ich das Gefühl hatte, den Ansprüchen nicht zu genügen. Aber auch das ist eine elementare Erfahrung der Schulzeit: Sie lässt einen neben seinen Stärken seine Schwächen entdecken.“ (Bundesministerin Annette Schavan, in: Der Spiegel 9/2008, 38)

Die entsprechende Selbstinterpretation von Frau Prof. Dr. Schavan erscheint mir etwas zweifelhaft, daher auch meine Skepsis gegenüber dem Ersatz für den Versuch bis zur sechsten Klasse einschließlich „gemeinsames Lernen“ durchzuführen. Aber prinzipiell ist das möglich, hier ist aber ein engagierter Einsatz von Pädagog/inn/en und Eltern gefragt, die wirklich eine demokratische Schule mit leistungsfähigem entsprechendem Vorschulkindergarten wollen. Die „bildungsfernen“ Schichten würden abnehmen und die „bildungsnahen“ Schichten wohl auch zum ersten Mal mit sehr anspruchsvoller Bildung, nämlich mit einem individuellen Bildungsprozess in sozialer Verantwortlichkeit, konfrontiert – eine echte Herausforderung für diejenigen Menschen, welche die Regierung bilden, auch für diejenigen, die sie enthusiastisch gewählt haben, dazu für diejenigen, die jetzt in Hamburg gegen entsprechende Teile des schwarzgrünen Schulgesetzes gestimmt haben.

 

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