Gelbfieber im Gesundheitssystem
Wie gesund ist unser Gesundheitssystem eigentlich noch? Es ähnelt einem einst gesunden Patienten, dem erholsame Kuraufenthalte zur Verbesserung des Wohlbefindens angeordnet wurden und danach kränkelnd zurück kam. Die nachfolgende Arzt- und Klinikaufenthalt machte alles nur noch schlimmer. Jede neue Regierung probierte sich als Wunderheiler, packte ihr Schamanenköfferchen aus und zauberte ein neues Elixier hervor. Bisher blieben jedoch die Heilungserfolge aus.
Gerade der jetzige Krankheitsverlauf ist äußerst bemerkenswert. Das Wundermittelchen Gesundheitsfond hat wider erwarten geholfen. Es ist kaum zu glauben aber wahr. Noch im Sommer erwirtschafteten die Kassen einen Überschuss von 1 Milliarde Euro! Das ist doch mal ein Wort! Sollte endlich eine erfolgreiche Therapie für das siechende Gesundheitssystem gefunden worden sein? Es wäre nichts anderes als ein hippokratisches Weltwunder!
Aber nein, nur wenige Monate später kehrt zur Erleichterung aller Beteiligten der gewohnte Alarmismus zurück: im kommenden Jahr werden 4 Milliarden Euro fehlen, so schätzt es jedenfalls der Schätzerkreis. Der fiebrige Krankheitserlauf des Gesundheitswesens vermag sich den politischen Anfordernissen anzupassen: vor Wahlen erhebt sich das Gesundheitssystem wie ein junger Gott aus seinem Sterbebett um nach der Wahl die letzte Ölung und die nächste Therapie zu empfangen. Dieser eigenartige Zusammenhang zwischen politischen Ereignissen und der Fieberkurve des Gesundheitssystems lässt auf eine ausgeprägte Komorbidität schließen. Ohne die Krankheit des einen wäre die des anderen hinfällig.
Schauen wir uns die aktuelle Quacksalbertherapie der Tigerenten-Regierung an, sie hat den heilvollbringenden Namen Kopfpauschale. Jeder, egal wieviel er verdient, muss den gleichen Beitrag an die Gesundheitskassen zahlen, der Millionär bezahlt also genauso viel wie seine Sekretärin. Damit wäre das Solidaritätsprinzip, das Bismarck 1883 bei der Gründung der Krankenkassen einführte und das auch bisher erfolgreich funktionierte, einfach über Bord geworfen werden. Warum eigentlich? Unser neuer und jungdynamische Gesundheitsministers Rösler weiß dies gekonnt zu begründen:
Das Gesundheitssystem muss von seiner Sozialität kuriert werden. Es darf nicht mehr für die Menschen da sein, sondern es muss effizient arbeiten, um möglichst hohe Renditen abzuwerfen zu können. Schauen wir uns die gewünschte Medikation einmal genauer an. Schon lange möchte die FDP beitragsfreie Familienversicherung abschaffen. Jeder Kopf, also auch Ehefrau und Kinder, sollen den gleichen Beitrag bezahlen. Ohne dieses Prinzip würde die Kopfpauschale nicht funktionieren. Die Belastungen sollen nicht mehr von den starken Schultern unserer "Leistungsträger", sondern von den ohnehin schon ausgemerkelten Familien gestemmt werden. Diese politische Entscheidung unserer Tigerenten-Regierung fördert Familiengründungen zur Verhinderung des Geburtenrückgangs genauso wie Studiengebühren uns die Bildungsexpansion bescheren.
Das Ziel dieser neuen Therapie für das Gesundheitssystem ist klar: die gesetzlichen Krankenkassen müssen möglichst unattraktiv sein, um die Leute in die privaten Kassen zu zwängen. Alles andere muss sich dem unterordnen. In einem solchen eigenverantwortlichen und unsozialen System ohne Möglichkeiten, ausreichend vorsorgen oder versichern zu können, krank zu werden, heißt nichts anderes als Pech gehabt. Und noch eines ist sicher, für den kleinen Mann wird es eine sehr teure Angelegenheit werden.
Die neoliberale Rosskur ist im vollen Gange, sie wird vom Sozialstaat wenig übrig lassen.

Vindelicus on Dezember 13th 2009
FREIHEIT, DIE WIR MEINEN: SOLIDARITÄT ABGESCHAFFT?
Und wieder wird die Freiheit des Einzelnen beschworen.
Als Lockruf, das Gemeinschaftliche, Solidarische aufzugeben. Das Bismark'sche System der Gleichmacherei. Sozialismus ante portas? Das allerdings bereits seit 1881, als Kaiser Wilhelm I. auf Initiative eben des Reichskanzlers Otto von Bismarck den Aufbau von Arbeitnehmerversicherungen einleitete.
Fortan sollte der Staat die Existenzsicherung seiner Bürger verantworten, die auf folgenden Grundsätzen basiert:
1. Finanzierung der Rente durch vorherige Beitragszahlung der Versicherten,
2. Beaufsichtigung und Beteiligung des Staates an der Sozialversicherung,
3.Grundlage des Selbstverwaltungsprinzips: Arbeitgeber und Versicherte haben volles Mitspracherecht über eine von ihnen gewählte Vertreterversammlung,
4. Beteiligung der Arbeitgeber am Beitragsaufkommen zur Sozialversicherung.
Im Jahre 1883 führte Bismarck die Krankenversicherung ein, 1884 die Unfallversicherung und ab 1889 konnten die Arbeitnehmer sich erstmals gesetzlich gegen die Folgen von Alter und Invalidität absichern. Regelungen, die, m.E. zu Recht, als gesellschaftliche Meilensteine des Gemeinwesens Staat angesehen wurden – in der ganzen Welt.
Das solidarische Prinzip steht seit langer Zeit am Pranger. Der neue Gesundheitsminister Rösler (FDP) bringt es nun, wie @Stillewasser zitiert, auf den Punkt:
“Es wird in jeder Gesellschaft einen Ausgleich geben müssen zwischen Arm und Reich - aber eben nicht im Gesundheitssystem.”
Die Forderung zur Abschaffung eines solidarischen Gesundheitssystems.
Es geht eben NICHT um Abschaffung großer Mängel innerhalb des Gesundheitssystems, eines der teuersten der Welt und doch gleichzeitig, qualitativ, höchstens im Mittelfeld sich befindend.
Es geht der Regierung Merkel bzw. dem Gesundheitsminister Rösler (immerhin Arzt) darum, Verdienstquellen zu erschliessen, d.h., @Stillewasser benennt es, „das Gesundheitssystem von seiner Sozialität zu kurieren“.
Der Patient als Mittelpunkt des Gesundheitssystems wird abgeschafft. GEWINN soll an seine Stelle treten. Mittels Kopfpauschale, bedeutend, der Milliardär zahlt genau soviel wie die Kassiererin beim Discounter. Diese soll, mangels eigener finanzieller Möglichkeiten, durch den Staat subventioniert werden.
Bürger, Wahl-Bürger, mag sich seine Meinung bilden, wenn es ihn selbst betrifft, z.B. dann, ich beziehe mich auf @Schlechinger, wenn er die Häupter seiner Kinder zählt und anfängt zu rechnen … Denn für JEDES Haupt soll die Kopfpauschale eingefordert werden.
Im Klartext: dieses System gründet auf der Idee, den Millionär zu subventionieren, nicht den Kleinen Mann. Lockmittel dazu ist der „Ruf nach Freiheit“, der wieder einmal missbraucht wird.
Gehen wir doch, für EIN BEISPIEL, in die Absurdität:
1.Altes Ehepaar. Schwerstpflegebedürftig. Er Leitender Regierungsdirektor a.D. Privat versichert seit ewig. Nicht sprachfähig. Zuhause gepflegt. Die dortige Behandlungspflege wird von seiner Privaten Krankenversicherung NICHT bezahlt. Hausbesuche werden vom behandelnden Arzt mit ca. 180.- DM durchschnittlich abgerechnet. Er benötigt eine extrem aufwendige Dekubitus-Matratze (12.000.- DM). Die private Krankenversicherung zahlt NICHT.
2. Altes Ehepaar, drei Häuschen weiter. Er Amtmann a.D. Nicht sprachfähig. Zuhause gepflegt. Die dortige Behandlungspflege wird von seiner Gesetzlichen Krankenkasse voll übernommen. Hausbesuche werden im gesetzlichen Rahmen vom selben Arzt abgerechnet. Auch er benötigt diese Dekubitus-Matratze. Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt.
Man gestatte mir zum Schluss die Frage, ob Kostensteigerungen innerhalb des Gesundheitssystems auf Gesetzliche Krankenkassen beschränkt sind und ob Private Krankenversicherungen keine Beitragssteigerungen kennen.
Darüberhinaus mag es ja sein, dass der Begriff „Arbeitnehmerversicherung“, als Ausgangspunkt des bismark'schen Solidaritätsgedankens von 1881, etwas Diskriminierendes enthält. So einen bitteren Beigeschmack für distanzverwöhnte Menschen. Mit entsprechenden Folgen.
Schlechinger on Dezember 13th 2009
"...von den ohnehin schon ausgemerkelten Familien...", sehr schönes Wortspiel.
Wer macht denn den Riesengewinn? Soweit ich es beruflich einsehen kann, sind die Ärzte auch nicht mehr die Spitzenverdiener bis auf die wenigen, die nur Privatpatienten behandeln oder einen großen Anteil von Privatpatienten als "Kundenstamm" haben. Es werden natürlich phantasievoll weitere Behandlungen erfunden, die dem Patienten in seiner Interessenlage viel Geld zusätzlich ausgeben lassen, aber die Kassenpatienten sind auf wenige Grundleistungen beschränkt und sogar die Medikation ist vorgeschrieben. Damit kann die Kostenexplosion offiziell nur durch das Schwinden von Beitragszahlern erklärt werden.
Privatpatienten sehen sich auch gewaltigen Beitragssteigerungen gegenüber (bei mir steigt der monatliche Beitrag von 506,24 € um 61,10 € auf 567,34 €, mit Frau und einem Kind, trotz Beihilfeberechtigung) und zahlen für jeden Arzt im Quartal die Praxisgebühr. Die Vorzüge sind inzwischen deutlich spürbar (teilweise auch peinlich), der Privatpatient wird hofiert und ausgebeutet, so hat z. B. jeder Privatpatient überhöhten Speichelfluss, weil der Zahnarzt dann den 3,5 fachen Satz verlangen kann.
Damit wäre ich bei der Essenz. Die Krankenkassen haben Riesendefizite und die Ärzte gehen auf die Strasse wegen der Kürzungen. Also sind die Verwaltungssysteme zu kostspielig (Wasserkopf) oder die Geräte und Medikamente sind dafür verantwortlich. Verdienen werden wohl der Apparat und die Zulieferer.
Ich danke für den Artikel, weil er die Schwierigkeiten und Bemühungen sehr gut darstellt, andererseits auch die politische Weichenstellung schildert, wie der Trog der Pharmafirmen auch künftig gefüllt wird.
Vergesst bei den Gesundheitsaufwendungen bloß die private Altersvorsorge nicht.
Martin Pöttner on Dezember 12th 2009
Gelbfieber scheint gefährlicher als das Schweinegrippevirus zu sein.
Vindelicus on Dezember 13th 2009
Wie im Finanz- und Wirtschaftstornado in vielen Monaten bewiesen:
gegen Gelbfieber gibt es Mittel.
Gegen diese Ausformung der GELBSUCHT wohl nicht.